Schokoladen verteidigen! – Gemeint sind wir alle! – Aufruf zur Aktiosnwoche


Schokoladen verteidigen! – Gemeint sind wir alle!

„Wir reden nur noch über Wochen, nicht mehr über Monate“ erwiderte Markus Friedrich, seines Zeichens „Eigentümer“ der Ackerstr. 169/170, Ende Januar 2012 gegenüber der TAZ (1), auf die Nachfrage wann der Gerichtsvollzieher die letzte Frist für die Gewerberäume der Ackerstraße aussprechen könne. Dem Schokoladen, eines der ältesten Kultur-Projekte in Berlin-Mitte droht damit das Aus.

Ackerstr. 169/170

Nach dem Fall der Mauer standen viele Häuser in Ostberlin leer. Besetzer_innen aus West und Ost nutzten die Gunst der Stunde und das vorherrschende Machtvakuum um ganze Straßenzüge zu besetzen. Die Devise „Nehmt euch, was euch eh gehört!“, gepaar mit der nötigen Dreistigkeit und Cleverness siegten. Und so wandelten sich weite Teile Prenzlauer Bergs und Mittes im Laufe der 190er Jahre in ein Eldorado aus „illegalen Kneipen“, besetzten Häusern, Info-, Buchläden, Clubs uvm. Wie manch anderes Projekt in der Gegend konnte auch der Schokoladen den Umstrukturierungen der späteren 90iger Jahre trotzen. Seit mehr als 22 Jahren bietet der Schokoladen Raum für Kulturveranstaltungen und Soli-Partys und schafft für internationale Künstler_innen, vor allem für kleinere Bands, eine Plattform. Der Laden ist selbstorganisiert und kümmert sich um die Instandsetzung des Hauses und andere Belange selbst.

Da der Schokoladen auch andere Projekte wie der „Club der polnischen Versager“, das TiSCH Theater, ein Tonstudio sowie etliche Atelier- und Proberäume beherbergt, würde die Räumung des Schokoladens nicht nur eine über Jahre gewachsene  Alternativ-Kultur dem Erdboden gleich machen, sondern für viele Menschen auch den Verlust persönlicher Bindungen, des zweiten Wohnzimmers und eines wichtigen, unkommerziellen Mikrokosmos bedeuten. Die immer krassere Durchökonomisierung unseres sozialen Lebensalltags macht Orte, die bezahlbare Kulturangebote ermöglichen oder wo wir mit Leuten quatschen können, anstatt isoliert in der Wohnung zu versauern, immer wichtiger. Der Schokoladen ist für viele Menschen so ein Ort.

Wer Freiraum will, soll zahlen.

Die Kulturprojekte des Hauses gerieten erstmals am 31. Dezember 2005 unter Beschuss, als der „Hauseigentümer“ die erste Kündigung der Gewerberäume einreichte. Aufgrund juristischer Gegenwehr seitens des Vereins Schokoladen e.V. und diverser Formfehler scheiterte die Klage. 2008 und 2010 folgten weitere Räumungsverfahren und die Kündigungen der Gewerbemietverträge. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, ließ es Friedrich sich in der Vergangenheit auch nicht nehmen selbst mal Hand anzulegen. So verschaffte er sich Anfang Juli 2008 zweimal Zutritt zum Schokoladen-Hof und forderte die sofortige Räumung der Ateliers im 2.Stock des Fabrikgebäudes, andernfalls würde er selbst Tatsachen schaffen. Begleitet wurde er dabei von breitschultrigen Schlägern, die die Bewohner_innen bedrohten (2).

Das Anfechten der Räumungsklage gegen den Schokoladen scheiterte im Dezember vergangenen Jahres. Am 24. Januar erzielte Friedrich die sofortige Kündigung gegen die restlichen Kulturprojekte. Ein Tauschgrundstück war zwischen Politik und „Hauseigentümer“ bereits auch im Gespräch. Verhandlungen zwischen Senat und „Eigentümer“ gibt es zurzeit jedoch nicht. Laut Berichten der Tagespresse, gibt es seit geraumer Zeit Verhandlungen zwischen Senat, Liegenschaftsfond und Eigentümer, ohne dass der Schokoladen e. V. davon Kenntnis hatte.“ Solche „Verhandlungen“ sehen wir sehr kritisch: erstens sind sie in der Vergangenheit durchweg gescheitert: Liebig 14, Brunnenstraße 183 und zweitens dienen sie doch nur als Beruhigungsdrops für eine Szene, die einer angekündigte Räumung nicht tatenlos zu sehen wird. Aus unserer Sicht drehen sich diese Verhandlungen im Kreis. Bisher wurde die Verantwortung für den weiteren Verbleib des Schokoladens vom Senat an den Bezirk Mitte, vom Bezirk an Markus Friedrich und von diesem wiederum an die Politik weiter gereicht. Angebote der Bewohner_innen das Haus über eine Stiftung zu kaufen lehnte Friedrich immer wieder ab. Die gebotenen eine Millionen Euro genügten ihm nicht. Stattdessen verlangt er 1,8 Millionen, andernfalls lässt er das Haus räumen.

In finanzieller Not scheint der „Besitzer“ der Ackerstraße 169 jedoch nicht zu sein. Immerhin kann der Mann sich eine Villa leisten und unterhält mit seiner Familie einen bundesweiten Fliesenhandel. Die aus Trier stammende Familie Friedrich betreibt Filialen ihres „Fliesenzentrums“ (www.fliesen-zentrum.eu) in Berlin, Hamburg, München, Magdeburg, Leipzig, Erfurt und Trier (3).

Die letzten machen das Licht aus?

Neben dem Schokoladen befinden sich im Bezirk Mitte weitere Orte, an denen in Zukunft Kapitalinteressen über selbstverwaltete und kollektive Projekte gestellt werden sollen. So sind zum Beispiel die Linie 206 und die KvU (Kirche von Unten) bedroht. Letztere wird durch deren „Besitzer“, die „Ernst G. Hachmann GmbH“, dazu aufgefordert Anfang 2013 ihre Räume zu verlassen. Die Räumung des Schokoladens wäre somit einer der letzten Sargnägel für Selbstorganisation, Off-Kultur und Freiräume in der „retrocoolen“ Mitte Berlins. Ein Rückblick auf die letzten Jahre bestätigt diese Einschätzung.
2008: Die Nutzer_innen der alten Fleischerei am Rosenthaler werden rausgemietet. Sieben Jahre DIY-Siebdruck und Offkultur, finden ihr Ende. 2009: Die Berliner Polizei räumt mit einem Großaufgebot von rund 600 Einsatzkräften das Hausprojekt Brunnenstraße 183. 2010: Der „Eigentümer“ der Kastanienallee 86 schmeißt den Umsonstladen aus den Kellerräumen des Wohnprojekts. 2011: Der Linienhof wird geräumt.

Von „Schandflecken“ und „Gesindel“

Mit dem Amtsantritt Frank Henkels, hat Berlin einen Innensenator bekommen, der außer seinem Buch, der „100 Lösungen für Berlin“ und dem preußischen Exerzierreglement, anscheinend keine anderen Lektüren auf dem Nachttisch zu liegen hat.
Wenn Henkel sich pressewirksam vor flambierten Autokarossen ablichten lässt, von „sozialistischen Schandflecken“ spricht oder bei der CDU- Sightseeing-Tour durch Neukölln von „migrantischen Parallelgesellschaften“ (4) schwadroniert, ist dies nur ein kleiner Vorgeschmack auf das was von dieser Person zukünftig noch zu erwarten ist. Was der überzeugte Linken-Hasser von alternativen Hausprojekten hält stellten seine Truppen ja bereits am 29. Januar 2012 unter Beweis, als Polizeibeamte die Kadterschmiede im besetzen Haus Rigaer 94 stürmten. 47 Personen wurden gefangen genommen, es folgten stundenlange ED-Behandlungen und die Betroffenen sollten auch noch froh sein, dass die Bullen „nur Tränengas genommen haben“.

„Es ist nun einmal so, daß dort, wo Müll ist, Ratten sind und daß dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist. Das muß in der Stadt beseitigt werden.“

Dieser Satz stammt ausnahmsweise nicht von Frank Henkel, sondern von Klaus-Rüdiger Landowsky (5) und scheint derzeit Leitmotto von Elite und Sicherheitsapparat in Berlin sein. So waren die, mit massivem Polizeiaufgebot durchgesetzten, Räumungen der Liebig 14 und der Brunnenstraße 187, nicht nur Dienstleistungen für die „Hauseigentümer“, sondern vor allem auch eine Machtdemonstration gegenüber dem „Gesindel“ dieser Stadt. Die politische Entscheidung wer nun „Gesindel“ und wer „Berliner Kultur“ ist, ist variabel verschiebbar und richtet sich unter anderem nach dem touristischen Mehrwert, der sich aus dem jeweiligen Ex-Besetzten Haus und seinen Macher_innen pressen lässt. Im Fall des Schokoladens zeigt sich, dass auch Kultur, mit der sich das Land Berlin so gern schmückt, kein ausreichendes Argument mehr ist, wenn die Stadt dafür tatsächlich selbst noch bezahlen muss. Damit ist wieder einmal bewiesen, dass Freiräume, so unterschiedlich sie auch sein mögen, immer wieder gegen die Interessen der herrschenden Politik erkämpft werden mussten und müssen. (Dies hält einmal mehr vor Augen, dass Freiräume, in all ihrer Unterschiedlichkeit, Räume sind die nicht von, sondern gegen die Interessen, der herrschenden Politik immer wieder durchgesetzt werden mussten und durchgesetzt werden müssen.

An alle: Auf die Straße für Freiräume und gegen den Ausverkauf der Stadt

Wir richten uns mit diesem Aufruf an alle Freund_innen des Schokoladens, an den Häusermob, organisierte linke Gruppen, Künstler_Innen und Musiker_innen, revolutionäre Krawalltourist_ innen und alle Menschen die unserer Unverständnis und unsere Wut über die drohende Räumung teilen.
Die Proteste vor und nach der Räumung der Liebig 14 in Berlin und dem Bundesgebiet im letzten Jahr waren ein starkes und vor allem kostspieliges Zeichen der Solidarität – Solidarität die den Angriff auf ein Haus als Angriff auf alle begreift (über eine Million Sachschaden bundesweit). Wir verstehen das Aufbegehren gegen die Bedrohung des Schokoladens darum nicht bloß als Protest gegen dessen Räumung, sondern sehen es in einer Reihe vieler Stadtteilkämpfe um günstigen/kostenfreien Wohnraum und alternative Freiräume. Die Ordnung der Stadt nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien geht uns gehörig gegen den Strich und die explodierenden Mietpreise haben wir schon lange satt. Wir werden nicht zulassen, dass uns Gentrifizierungs-Gewinner_innen, Senat und Bullen nach und nach die letzten umkämpften Häuser abnehmen und unsere Freiräume zubetonieren. Ein linker Freiraum ist mehr als eine Party-Location. Er ist ein Ort zum abschalten vom alltäglichen Wahnsinn des Systems, von Arbeit und Reproduktion. Er ist Schutzraum, Ort für Streit, Rückzugsort, aber auch Geburtsstätte neuer Ideen oder Projekte. Von der Politik können wir uns noch lange erzählen lassen, wie wichtig ihnen Kulturprojekte sind, das Menschen nach einer Räumung letzten Endes auf der Straße sitzen ist ihnen scheißegal. Beteiligt euch darum an der Aktionswoche gegen die Räumung des Schokoladens.

Schließt euch zusammen und macht Aktionen für den Schokoladen. Geht Plakate kleben, hängt Banner im öffentlichen Raum auf, veranstaltet Soli-Partys, organisiert Proteste und Flyer-Aktionen an den Filialen der „Fliesenzentrum“-Kette und – was noch viel wichtiger ist –macht vor allem am Tag der Räumung die Straße dicht .

Wir verbleiben mit dem oft und gern fotografierten Spruch der an der Fassade der Kastanie 86 prangt:
„Kapitalismus normiert, zerstört, tötet.“

Unterstützt den Aufruf:
schokoladen-verteidigen@riseup.net
www.schokoladenverteidigen.blogsport.eu
www.wba.blogsport.de

AKTIONSWOCHE GEGEN DIE RÄUMUNG DES SCHOKOLADENS.

Sa. 18. Feb. | Demo zum Haus des Schokoladen-”Besitzers”
15.30 Uhr, S-Bhf. Potsdam-Babelsberg
, Infos hier:
Die Demo findet im Anschluss an das Heimspiel des FC Babelsberg 03 statt und wird durch Fans des Vereins, so wie von Tennis Berlin unterstützt.

Tip für den Vormittag: Rassisten-Kundegbung in Berlin stören: 10.00 Uhr, Antonplatz, Weißensee. Infos hier
Ausgehtip für den Abend:
24 Stunden Fest im Schokoladen

Sa. 18. Feb. | 24 Stunden Fest

natürlich im Schokoladen

Mo. 20. Feb. | Vollversammlung
19.00 Uhr, Schokoladen

Di. 21. Feb. | Vorabend-demo: Schokoladen verteidigen!
17.30 Uhr, Klub der Republik; U-Bhf. Eberswalder Str.

Mi. 22. Feb. | Schokoladen-Räumung verhindern!
08.00 Uhr, Aktionen im Großraum Torstraße / Rosenthaler Platz.

Wenn Räunung, dann…

…macht Aktionen in eurem Viertel, in eurer Stadt und kommt nach Berlin::

Sa. 25. Feb. | Bundesweite Demo nach der Räumung. Für alternative
Freiräume, gegen den Ausverkauf Berlins!

Adresse des Schokoladen:
Ackerstrasse 169, U-Bhf. Rosentahler Platz

Verweise:
01: 28.01.2012, TAZ, „Die süßen Zeiten sind vorbei“
02: 06.07.2008, Schokoladen, „Bis jetzt keine Räumung nach Wild-West-Manier… aber auch keine Entwarnung.“
03: 06.02.2012, Indymedia, „B: Schokoladen verteidigen“
04: 17.07.2011, B.Z., „Henkel tourt im Bus durch die Bezirke“
05: 27.02.1997, Haushaltsrede von Klaus-Rüdiger Landowsky , Protokoll der Abgeordnetenhaus-Sitzung

 

UNTERSTÜTZER_INNEN DES AUFRUFS:

North East Antifascists (NEA)

Bandito Rosso

Schöne Christine

Kirche von Unten (KVU)

Brunnenstraße 6/7

Linie 206

Kiezgruppe

Tennis Berlin (TeBe)-Mob

Out of Control Berlin

Filmstadtinferno

Inforiot

Subversiv e.V.

 

 

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